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Armando Valdes 3. April 2003

Die Verantwortung des Wissenschaftlers

in Brechts Leben des Galilei“

In dem 1956 veröffentlichten Drama Leben des Galilei setzt sich Bertolt Brecht

mit der Problematik der Freiheit und der Verantwortung des Wissenschaftlers

auseinander. Brecht eröffnet sein Drama mit einem jungen mutigen Galilei, der

den Kurator von der Universität Padua um eine finanzielle Unterstützung bittet,

sodass er mehr freie Zeit zu forschen hat. Vom Anfang an war es dem Kurator

klar, dass die Universität ihn nur für eine Erfindung auszahlen wird, die sich gut

verkaufen lässt, aber trotzdem könnte kein „ungebildeter Mönch der Inquisition

[Galileis] Gedanken [dahin] einfach verbieten" (S. 25). Galilei beschloss trotz des

Rates des Kurators nach Florenz umzuziehen, um mehr freie Zeit für Forschung

zu suchen, denn als junger Mann macht er sich keine Sorgen um die soziale

Rückwirkungen seiner Taten, darauf glaubte er, dass die Mönche seine Theorie

begreifen würden, weil er an die menschliche Vernunft glaubt: „Ich glaube an den

Menschen, und das heißt, ich glaube an seine Vernunft!" (S. 40). Allerdings

kommt Galilei mit der Zeit und wegen seiner Beziehungen innerhalb seines

sozialen Kreises beziehungsweise zwischen der Obrigkeit, der Kirche und seiner

Studenten zu der Einsicht, dass ein Wissenschaftler zu einer verbindlichen

Wissenschaftsethik verpflichtet ist, wonach man keine Forschung ohne soziale

Verantwortung machen sollte. In diesem Aufsatz möchte ich drei dieser Beziehungen vergleichen, die Galileis Meinung über die Verantwortung des

Wissenschaftlers verändert haben.

Der kleine Mönch sagt zu Galilei am Ende des achten Aktes, dass das

Elend der Leute noch schlimmer sein würde, wenn sie erführen, dass sie sich auf

einem kleinen Steinklumpen befinden, der nicht der Mittelpunkt des Weltalls sei.

(S. 81). Darauf antwortet Galilei, dass die Tugenden nicht an Elend geknüpft

seien, und deswegen er die Elende nicht verschweigen sollte, auch wenn es

ihnen schlimmer sein würde, dass sich die Erde um die Sonne drehte. Als junger

Mensch stellt Galilei die Wahrheit über alles, indem er nicht versucht die

Argumente des kleinen Mönchs mit seiner Theorie in Einklang zu bringen; und

auch denkt Galilei noch nicht an eine Veränderung des Sozialsystems, dessen

sozialen Gesichtes an das ptolemäische System strukturiert worden waren:

Wie im Himmel, so auch auf Erden.

Und um den Papst zirkulieren die Kardinäle.

Und um die Kardinäle zirkulieren die Bischöfe.

Und um die Bischöfe zirkulieren die Sekretäre.

[...]

Und um die Dienstleute zirkulieren die Hunde ..." (S. 100-101).

Allerdings beschloss Galilei seine Arbeiten in der Sprache des Volkes zu

schreiben, um die Campagnabauern aufzustören, „neue Gedanken zu denken“

(S. 97), ohne die Rücksicht auf seine Taten zu nehmen. Während der kleine

Mönch sich Sorgen um das Elend der Bauern macht, hat der Inquisitor selber

Angst, dass seine Position und Aufgabe angezweifelt werden könnten, wenn die

Leute wegen Galileis Bücher über die Bewegung der Sterne an allem zweifeln

würden, darum versucht er den Papst zu überzeugen, dass Galilei an die

Inquisition sollte ausgeliefert würden: „Dieser schlechte Mensch weiß, was er tut,

wenn er seine astronomischen Arbeiten statt in Latein im Idiom der Fischweiber

und Wollhändler verfaßt." (S. 112). Deshalb versucht der Papst Galilei zu

überzeugen, dass die Wissenschaftler eine soziale Verantwortung hätten, wenn

sie die Leute auf den Himmel verweisen würden: „Ich habe ihm sein Buch

erlaubt, wenn es am Schluß die Meinung wiedergäbe, daß das letzte Wort nicht

die Wissenschaft, sondern der Glaube hat.“ (S. 113).

Nur wenn man ihm die Folterinstrumente zeigt, kommt Galilei zu der

Einsicht, dass ein Wissenschaftler zu einer verbindlichen Wissenschaftsethik

verpflichtet ist: „Hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hypokratischen

Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der

Menschheit anzuwenden." (S. 130). Galilei begreift, dass in seiner Zeit eine

Astronomie regelte, die die Kirche verwendet hat, um eine Sozialstruktur zu

bilden, infolgedessen hatte er die moralische Verpflichtung zu widerrufen, sodass

die Sozialstruktur präserviert würde. Zwar weiß Galilei, dass er da seine

Studenten verraten würde, aber er glaubt, dass in einer Zeit „die Kluft" zwischen

der Kirche und der Jugend so groß sein wird, dass die Wahrheit sich selber

einsetzen wird, sodass er nur „sein Wissen den Machthabern“ überliefern kann.

(S. 130). Man ersieht aus dieser kurzen Untersuchung, dass es immer wichtig ist,

die Wahrheit zu beweisen, aber nur wenn man auch an die sozialen

Rückwirkungen denkt, dass mit der Wahrheit kommen. Galilei verstand, dass in

seiner Zeit viel wichtiger war, eine neue Ethik der Wissenschaft zu entwickeln,

als große Erschütterungen mit seinem Sterben hervorrufen zu können, die die

Wahrheit durchsetzen würden, aber darum auch die Sozialstruktur

destabilisieren.