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Deutschland 1933-1945

Matthias Jung

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Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler beginnt das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Der Nationalsozialismus war weit mehr als eine Partei; er war eine weltanschauliche Bewegung und wollte auch den letzten Winkel des öffentlichen und privaten Lebens gestalten und kontrollieren.

Die nationalsozialistische
Ideologie war diffus und widersprüchlich, sie setzte sich aus populären Versprechungen, Parolen und Ansichten anderer politischer Bewegungen zusammen. Kern waren Nationalismus, der faschistische, antidemokratische Glaube an einen starken "Führer" und ein ausgeprägter Rassismus und Antisemitismus. Außenpolitisch wollten die Nationalsozialisten die im ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete wiedererlangen und weiteren "Lebensraum" vor allem in Osteuropa erobern. Langfristig schwebte ihnen ein deutsches Großreich vor, mit einem völlig neuen Fundament: Der Individualismus und die Errungenschaften der Aufklärung sollten abgeschafft werden, eine neue Gesellschaft entstehen. Unter dem Motto "Du bist nichts, dein Volk ist alles" sollte ein "neuer Mensch" erschaffen werden.

Die konkrete Umgestaltung Deutschlands nach diesen Ideen begann zunächst politisch. Als
Kanzler stand Hitler anfangs einer Regierungskoalition vor, der außer ihm nur zwei Nationalsozialisten als Minister angehörten. Ihnen gegenüber standen acht konservative Minister im sogenannten "Kabinett der nationalen Konzentration". Das sollte sich bald ändern. Die letzten freien Reichstagswahlen am 5. März 1933 brachten den Nationalsozialisten mit 43,9 Prozent der Stimmen zwar nicht die gewünschte Mehrheit – sondern zwangen sie, mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) zu koalieren; durch das "Ermächtigungsgesetz" vom 23. März wurde die NSDAP aber zum alleinigen Herrschaftsträger. Das Gesetz erlaubte der Regierung für die Dauer von vier Jahren, Gesetze ohne Beteiligung des Reichstags und des Reichsrats zu erlassen. Dies galt auch für Gesetze, die die Verfassung änderten.

Auch die Rolle des Individuums im
Staat veränderte sich schlagartig, seine Rechtssicherheit wurde aufgehoben. So konnte beispielsweise die Polizei ohne Gerichtsentscheid "Schutzhaft" verhängen. Mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien wurde das Gesetz angenommen, später wurde es mehrfach verlängert. Dieser verfassungsmäßige Ausnahmezustand blieb bis zum Zusammenbruch Deutschlands im Mai 1945 politische Realität.

Doch bis dahin sollten noch 12 Jahre vergehen, in denen die nationalsozialistische
Diktatur Deutschland systematisch in einen diktatorischen "Führerstaat" umbaute. Andere Parteien wurden verboten, die Gewerkschaften aufgelöst, Regimekritiker verfolgt, die Justiz zu einem Anhängsel der Diktatur gemacht. Partei und Staat waren nicht mehr zu unterscheiden, Hitler faktischer Alleinherrscher. Massenorganisationen und Propaganda sollten den Rückhalt der Nazi-Herrschaft in der Gesellschaft gewähren.

Gleichzeitig setzte die Entrechtung und Verfolgung der deutschen Juden ein. Bereits am 1. April 1933 organisierte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda einen Boykott jüdischer Geschäfte, Banken, Ärzte und Rechtsanwälte. Damit zeigte die NSDAP nach der
Machtübernahme erstmalig öffentlich ihr antisemitisches Gesicht.

Am 7. April erließ die Regierung das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums": "Nichtarische
Beamte" wurden nun aus ihren Stellungen entlassen. Die endgültige Entrechtung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger erfolgte durch das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" am 15. September 1935. Den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern wurde nicht nur das Reichsbürgerrecht vorenthalten; Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen Juden und "Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes" wurden als "Rassenschande" mit Zuchthausstrafe bedroht. Die so genannten Nürnberger Gesetze schufen die rechtliche Grundlage für die Verfolgung und ständige Diskriminierung von Juden.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 kam es zum reichsweiten Pogrom gegen Juden – angezettelt vom nationalsozialistischen
Regime: Synagogen wurden in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört, Menschen verprügelt, erniedrigt und ermordet. Große Teile der jüdischen Bevölkerung wurden zur Flucht ins Ausland gezwungen.

Die nationalsozialistische Verfolgung der europäischen Juden gipfelte schließlich im systematisch geplanten und organisierten Massenmord, euphemistisch "Endlösung" genannt. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten über sechs Millionen Juden und andere diskriminierte Gruppen vor allem in den sogenannten Konzentrationslagern. Erste Lager waren schon kurz nach der Machtübernahme eingerichtet worden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges und der
Entscheidung über den Völkermord auf der Wannseekonferenz im Jahre 1942 wurde das System der Konzentrationslager jedoch erheblich ausgebaut. Alleine im Konzentrationslager Auschwitz wurden zwischen 1940 und 1945 über eine Million Menschen umgebracht.

Die Erinnerung an den industriell betriebenen Völkermord, die Möglichkeit der größten Barbarei im Herzen der Zivilisation ist Teil des deutschen kulturellen Gedächtnisses – und für das Selbstverständnis der
Bundesrepublik Deutschland von grundlegender Bedeutung.


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